Die Provinziellen

Notizen aus der Provinz

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Vorwärts? Rückwärts, Seitwärts, Schluss!

von JM • • (Kommentare: 0)

„Also weißt du Jack, Politik, das ist ein schmutziges Geschäft!"

Das haben mir viele Politiker gesagt — und je mehr es jemand zu „etwas" gebracht hat, desto mehr bekam ich das zu hören.

Da sagen dir die Politiker, dass Politik ein schmutziges Geschäft ist — und alle halten sich brav daran! Paradox ist daran: jeder Politiker hat ein blütenweißes Hemd. Wie geht das zusammen? Das muss was mit Reinwaschen zu tun haben — vielleicht so nach dem Motto „eine Hand wäscht die andere, dann sind beide wieder sauber". Na, ja, aber man muss das auch verstehen: die Luft da oben wird ja immer dünner!

Andererseits haben Politiker eine hohe Verantwortung. Ich weiß zwar nicht wem gegenüber, aber ich glaube, gegenüber der Bevölkerung! Was sie nämlich nicht sagen: für viele ist Politik auch ein Selbstbestätigungsbetätigungsfeld.

Derzeit hört man viel vom neuen Schwung und neuen Stil. Die Bevölkerung bekommt das Gefühl, dass sie künftig selbst mehr Verantwortung übernehmen darf. Dafür hat sie mehr Freiheiten: - sie darf jetzt ohne schlechtem Gewissen mindestens 12 Stunden am Tag arbeiten; - sie darf auf der Autobahn wieder schneller fahren; - und bei Rot rechts abbiegen; dann bin ich auch wieder früher daheim (aufpassen muss ich vielleicht nur auf den Pferdekot der berittenen Polizei, die zusätzlich für meine Sicherheit sorgt) - ja ich kann sogar noch kurz einen Abstecher ins Gasthaus machen, um genüsslich der nichtrauchenden Kellnerin den blauen Dunst ins Gesicht zu blasen (nein, das nicht, das wär ja gesundheitsgefährdend) — auch in Südtirol, weil es ist ja „Ein Tirol" . Und da stören mich asylsuchende Menschen auch nicht mehr, weil sie „konzentriert" außerhalb gehalten werden sollen (diese Wortwahl ist wohlgemerkt nur ein Ausrutscher eines Lyrikers, dem das Wohl der Menschen ganz besonders am Herzen liegt — bestätigt von einem Philosophen — „da leg ich meine Hand ins Feuer" — er, der ehemalige Lyriker (Selbstzitat) habe zwar „zwei linke Beine, was das Tanzen betrifft" ­allerdings nur was das Tanzen betrifft; ansonsten ist er schon ein gestandener Rechtsfuß.

Das ist Heimatgefühl, das ist wieder die Lebensqualität, die ich mir gewünscht habe. Da brauch ich nicht mehr nach Ungarn zu fahren.

 „...Die neue Regierung ist ein rot-weiß-roter Schnellzug — endlich werden die Interessen der Menschen ernst genommen."

Für Frauen halt nur ein negativer Anreiz, wenn sie wieder berufstätig sein wollen — na ja, man kann nicht gleich an alle denken ­auch nicht an die, die eh so wenig verdienen, dass sie vom Familienbonus gar nicht profitieren können - und schon gar nicht an arbeitslose, langzeitarbeitslose, armutsgefährdete oder gar an asylsuchende Menschen, auch wenn sie gar nicht kriminell sind.

Also immer schauen, dass die Armen nicht ungerechtfertigt a bisserl zu viel bekommen und dass die Reichen nicht ungerechtfertigt zu wenig Reichtum haben. Da geht es um Gerechtigkeit! Das ist populär — und die anderen (die nicht so Fleißigen) ein bisschen schlechter hinstellen - das kommt bei vielen Menschen an - ­ist das Populismus?

Und weil bisher alles im Leben unerträglich schwer war (wir mussten uns früher in der Provinz schriftliche Notizen machen, wir mussten die Umgebung beobachten, statt ständig aufs Handy zu schauen, wir mussten unser Gehirn benutzen und konnten trotzdem oder gerade deswegen die wirklich wichtigen und sinnvollen Entwicklungen auch so mitkriegen), kommt der digitale Wandel-Wahn — bald können wir hunderte Apps aufs Handy oder auf den PC herunterladen, alle Behördengänge und noch vieles mehr und überhaupt alles von zuhause aus machen: „Das ist vergleichbar mit der Erfindung der Glühbirne damals" wird uns gesagt. Alles „Leuchtturmprojekte", nobelpreisverdächtig! Alles leuchtet — so viele glühende Birnen und „Leuchten", die umherlaufen! Wir sind nicht mehr Provinz – wir sind Zentrum!

So viele Gefühls- und Wortüberschüsse — sie wissen gar nicht mehr, wohin mit den vielen Anlagen zum Guten! 

So viele Gedanken und Ideen — die am besten im normalen Morast versinken.

„Wir tun genau das, was wir im Wahlkampf versprochen haben" und wenn nach den konkreten Plänen gefragt wird: „Ich bitte um Verständnis, wir können nicht zaubern, und wir können nicht erfinden, was nicht stattgefunden hat." Sätze von historischer Bedeutung — ähnlich wie dieser: „Wenn alles normal läuft, kann ich zusagen, dass unsere Vorhaben auf einer guten Grundlage sind."

Zum Abschluss bin ich noch gefragt worden: „Was wünscht du dir oder was erwartest du dir eigentlich von Politikern, von der Politik?". Was wünsche ich mir von denen, die unsere Geschicke tragen, von den Menschen, die die Steuern erwirtschaften und diejenigen wählen, die verantwortungsvoll damit umgehen und die Steuern auch entsprechend sinnvoll und human steuern sollten?

„Ich wünsche mir, dass die Leute sich nicht so sehr und nicht so oft von Politikern und der Politik manipulieren lassen. Da würde ich schon sehr darum bitten. Dass wir uns nicht alles aufquatschen lassen sollen. Dass wir nicht überhaupt eine „Quatschgesellschaft" werden. Dass wir hellhöriger werden, wenn hinter verschlossenen Türen die dreckigsten Lieder gesungen werden und wenn uns gesagt wird, dass sich „österreichischer Patriotismus und deutsches Kulturbewusstsein geradezu bedingen".

Ich höre: „jetzt lasst sie doch halt einmal arbeiten." Oder „lassen wir sie an den Taten messen". „Wir können uns auf die neue Politik verlassen“. Ich denk mir: Demokratie braucht ständig Aufmerksamkeit. Da spür ich eine große Unsicherheit – und: „Unsicherheit ist eine Politik, auf die ich mich verlassen kann". Genauso wie auf den dazugehörenden Nepotismus.

Und doch gibt es auch Politiker, die tatsächlich für die Menschen da sind.
Wo sind sie?

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