Die Provinziellen

Notizen aus der Provinz

www.notizenausderprovinz.at

Schöne neue Welt

MW • • (Kommentare: 0)

 

Im Herbst habe ich am Flughafen Wien zum ersten Mal einen Gesichtsscanner erlebt. Ich habe mich erschreckt.

Über das autonome Fahren wird vielerorts geschrieben. In der letzten Woche höre ich von den phantastischen Möglichkeiten mit einem Smartphone EKG oder andere Untersuchungen machen zu können – welch Revolution in der Behandlung vor Ort!  Wenn ich zum Beispiel in Südägypten am roten Meer Herzprobleme habe.

Einen klaren Blick verspricht eine Firma im Silicon Valley schon im Firmennamen und hat die Gesichtserkennung verbessert. Nachdem sie ca 3 Milliarden Fotos von Gesichtern aus den sozialen Medien abgesaugt hat, ist die revolutionäre Dienstleistung die: ich fotografiere Sie, auch wenn ich Sie nicht kenne und kann über diese Datenbank mit 3 Milliarden gespeicherten Gesichtern schnell erfahren, wer Sie sind.  

Das Alles funktioniert nur, wenn mehr Daten noch schneller transportiert werden können. Big Data ist notwendig, um all diese Möglichkeiten nutzen zu können. Zu all den Satelliten, die jetzt schon für Spionage, militärische Sicherheit, GPS, Galileo, für die Forschung und das Wetter um unsere Erde kreisen, hat Elon Musk begonnen, 1.300 Satelliten für ein weltumspannendes mobiles Internet ins All zu schießen.

Ich frage mich, wer das braucht, wer das so haben möchte, wem diese Möglichkeiten nutzen. Bisher war es immer so, dass das, was möglich war, gemacht wurde. Das war immer interessensgeleitet. Ich frage mich, wer da welche Interessen hat. Wahrscheinlich gehöre ich schon zu denen, die sich vor dem Fortschritt fürchten, so, wie das seit Jahrhunderten immer war, dass die, die nicht im Zentrum der Entwicklung stehen, die Alten oder die Provinziellen, Angst vor der Veränderung haben.
Das stimmt. Ich habe von George Orwell 1984 gelesen – das fand ich erschreckend, weil ich mit dem Wert der individuellen Handlungs- und Redefreiheit groß geworden bin. Doch 1984 ist Geschichte, die Möglichkeiten eines Überwachungsstaates kennen wir doch schon viel besser. Nein, nicht das 1000jährige Reich, nicht die DDR oder Russland, sondern China – da kann ich schon sehen, wie mit den Möglichkeiten von big data, Menschen kontrolliert und in ihren Lebensmöglichkeiten gesteuert werden, während eine kleine Gruppe den Staat im Staat pflegen, um dort mit persönlicher Freiheit und Reichtum leben zu können.

Das ist sehr weit weg. Doch der Ruf nach mehr Sicherheit, nach Kontrolle und Überwachung ist aktuell und ganz nah. Da werden in Ried im Innkreis zu Vorbeugung mehr Videokameras, als bisher, jetzt sogar mit Infrarot, aufgehängt, weil wir, Sie und ich, uns sicher fühlen wollen.

Gesichtserkennung ist auf dem Vormarsch: Indien plant derzeit den Aufbau eines der größten Gesichtserkennungssysteme der Welt, in London setzt die Polizei seit Kurzem Live-Gesichtserkennung ein. Für all‘ das braucht man big data, braucht man G5 und auch, wenn man unseren Politikern glaubt, das Gefühl von Sicherheit.

Also, wenn …, ich weiß gar nicht wer, das dann will und tut … also wenn dann DIE die Überwachungskameras auch zur Gesichtserkennung einsetzen, können sie sehen und nachverfolgen, wohin Sie und ich gerade gehen, wie wir uns gerade freuen oder ärgern, ob die Nase läuft und ob Sie hochziehen oder schnäuzen. Und dann fühlen wir uns sicher.

Es kommt also nur darauf an, ob wir uns sicher fühlen, wenn mehr Kameras aufgehängt werden und uns filmen. So wird  zB ein Politiker aus der Gemeinde Ried im Innkreis zitiert. Es ist gar nicht wichtig, ob und wie die Kameras tatsächlich der möglichen Kriminalität vorbeugen, sondern es ist nur das Gefühl.

Wo hängen ins unserer Gemeinde in unserem Bezirk eigentlich wieviel Kameras, die unser Gehen und Tun aufzeichnen ?  In Banken, an Geldautomaten, an Bahnhöfen und an welchen öffentlichen Plätzen hängen keine mehr ?

Fühlen wir uns besser, wenn all diese Daten, nicht nur die der Videoüberwachung, aber auch – fühlen wir uns besser, wenn all diese Daten aufgezeichnet, gesammelt, genutzt und zur Verfügung gestellt werden ?
Wie wird mit den Aufzeichnungen umgegangen, wie lange kann man sehen, wie oft und wie lange ich aufs Bahnhofsklo gegangen bin ? Wer sieht, wann ich mich wo bewegt habe ? Was geschieht mit diesem Wissen ? Wer hat das Recht, diese Aufzeichnungen, oder auch meine Fotos aus den sozialen Netzwerken zu nutzen ? … und so weiter.

Es ist an der Zeit, nach den Besitzern und Nutzern von Überwachung und Kontrolle in Banken, Bahnhöfen und Plätzen zu fragen, was sie wie lange aufzeichnen und kontrollieren, was sie damit tun.
Geht es wirklich um das Gefühl von Sicherheit? Fühlen Sie sich jetzt, wo Sie nicht wissen, wo Sie wie aufgezeichnet werden, sicherer?
Es ist an der Zeit zu fragen und nicht nur daran zu glauben, dass es gut gehen wird und nur Gutes gedacht und getan wird.

Wir freuen uns auch über Beiträge auf twitter oder Instagram.

Zurück

Einen Kommentar schreiben

Bitte addieren Sie 2 und 5.