Die Provinziellen

Notizen aus der Provinz

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Hinter den Bergen

von MW • • (Kommentare: 0)

Es war einmal hinter den Bergen in einem Landstrich, in dem es schon viele Herren gab. Das führte dazu, dass die Menschen dort gelernt haben, aufzupassen. Aufzupassen, was bei Ihnen geschieht und wem sie wirklich trauen.

In der nahen Stadt, die in der Vergangenheit schon viel erlebt hat, gibt es seit vielen Jahren einen Bürgermeister, der es verstand, den Menschen das Gefühl von Sicherheit, Fortschritt und wachsendem Wohlstand zu vermitteln. Das machte er so gut, dass keiner genau wusste, was er denn wirklich für Sicherheit, Fortschritt und Wohlstand getan hatte. Doch immer, wenn etwas Gutes oder Erfolgreiches geschah, war der Bürgermeister in Begleitung seines Haus- und Hoffotografen da und ließ sich lächelnd und Hände schüttelnd ablichten. So war er immer zu sehen und die Leute dachten wohl deswegen, "was der alles für uns tut". So gewöhnten sich die Menschen an die immer gleichen Umstände und empfanden sie als normal und gut so. Auch die Ratsherren, sogar der Bürgermeister selbst, glaubten allmählich an die Sicherheit und dass es immer so bleiben wird, wie es war.

"Spiegeln, Spieglein an der Wand, wer ist der beste Bürgermeister im ganzen Land ?" sprach der Bürgermeister zu seinem Spiegel, von dem er wusste, dass dieser weit sehend war. "Der beste Bürgermeister, der steht hier, doch hinter den Bergen, da gibt es noch viel bessere als ihr." Der Bürgermeister ärgerte sich, denn der Schönste und Beste wollte er doch sein. Er wollte mehr und den Ratsherren war es auch zu wenig. Ihre Stadt mit braven Bürgern, Handwerkern und Kaufleuten, Schulen und Kindern sollte berühmt werden. Auf diese Stadt sollte man schauen, in diese Stadt sollte man kommen.

In dieser Absicht gingen die Stadt, der Bürgermeister oder die Ratsherren oder beide, einen Handel mit Plutus dem Gott des Reichtums ein. "Wenn Ihr an mich glaubt und mir opfert, wird es nicht zu Eurem Schaden sein."

So wurden mehrere große Ideen mit sehr viel Geld vorbereitet, ohne dass sie verwirklicht wurden. Plutus freute sich.

Etwa später gab es die einmalige Möglichkeit, dass die Stadt zu all den anderen Städten aufsteigen konnte - dann sollte sie geachtet und bewundert werden - dann werden die, die diesen Schritt verwirklicht haben, gefeiert und geehrt - so glaubten sie und schritten zur Tat. Ein großer großer Marktplatz mit vielen neuen Geschäften sollte entstehen - dann kommen die Menschen aus dem ganzen Landstrich und darüber hinaus, um die Pracht und den Glanz zu sehen und Zeit und Geld in die Stadt zu tragen.

Der Bürgermeister war begeistert, denn er glaubte an Plutus; die Ratsherren zweifelten und überlegten, die Handwerker und Kaufleute und einige Weise aus dem Land warnten vor diesem Schritt. "Die Stadt wird sich so verändern, wie ihr es nicht wollt; viele Handwerker und Kaufleute verlieren ihre Arbeit und das Leben wird trist."

"Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der beste Bürgermeister im ganzen Land." "Hinter den Bergen gibt es bessere Bürgermeister als ihr, doch mit dem neuen Marktplatz ist der beste Bürgermeister hier."

Gehört, getan! Der neue Marktplatz wurde Wirklichkeit. Selbst die zweifelnden Ratsherren, die das Leben in und um dieser Stadt liebten und schützen wollten, ließen sich ängstigen und stimmten zu. Es kam, wie die Weisen sagten. Kaufleute und Handwerker mussten ihre Geschäfte schließen, Menschen verließen die Stadt oder wollten gar nicht mehr dort hin und der Marktplatz war nicht das, was den Menschen versprochen wurde. Doch Plutus freute sich; bisher lief alles so, wie es für ihn gut war, und auch der Bürgermeister war stolz auf das, was er alles geschaffen hatte.

Es gibt noch viele große und kleine Geschichten über diese Stadt, ihren Bürgermeister und den Rat zu erzählen. Doch das würde viel zu lange dauern, nur so viel : es wurde eine neues Badehaus für die Stadt gebaut, klein fein und für viele Menschen der Stadt sehr teuer, - die ganze Stadtplanung sollte in die Hände des neuen Marktplatzes gelegt werden, - man erzählte sich, dass der Bürgermeister zu einem Weisen des neuen Marktplatzes ernannt werden sollte, - Veranstaltungen für die ganze Stadt wurden zur Verhinderung mit beinahe unerfüllbaren Auflagen versehen, - … kurz: viele Ideen, die die Menschen dieser Stadt hatten, um die Stadt wieder bunter und lebendiger zu machen, wurden abgelehnt und vernichtet, da sie nicht dem Bürgermeister eingefallen sind, "... denn der beste Bürgermeister der steht hier."

Wie kommt es, dass die Menschen, die gelernt haben, aufzupassen, was bei ihnen geschieht und wem sie wirklich trauen, nichts unternommen haben, bzw. zugelassen haben, dass es wurde, wie es geworden ist ?
Bei des Kaisers neuer Kleider erkennen die Bürgerinnen und Bürger lachend, dass der Kaiser gar keine Kleider mehr trägt. Oder es kommt ein Prinz, der sie alle befreit; oder der böse Bund mit Plutus wird durch einen Helden aufgelöst.
In dieser Geschichte können die Menschen sehen und sich gegenseitig erzählen, was wirklich geschieht. Sie können das Geschehen in die eigenen Hände nehmen, damit das Märchen ein gutes Ende nimmt.

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