Die Provinziellen

Notizen aus der Provinz

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Berührungen

JM • • (Kommentare: 0)

 

Einerseits:

gibt es z. B. die „Playfights“: fremde (Erwachsene) treffen sich zum spielerischen Raufen. Sie wollen auf diese Weise Hemmungen abbauen und Nähe zulassen lernen. Da wird mit Unbekannten spielerisch gerauft, wie früher auf dem Schulhof – jetzt als Verhaltenstraining für Erwachsene. Zwei Stunden lang – für € 20,--. Ein Schnäppchen für das Seelenheil.
Warum machen wir das: es geht um unsere angebliche Unnahbarkeit, um den Skin-Hunger, dem Mangelzustand an Körpernähe. Wenn wir zu wenig Berührung erfahren, dann verkümmern wir – seelisch, geistig, körperlich. Wir sind also aufgerufen, uns „happyzuraufen“.

Dann wiederum toben fremde Erwachsene mit Kindern bei Kursen des Vereins „Original Play“.
Warum: Kinder brauchen Bewegung und Berührung, brauchen das Balgen und Raufen. Und da ist es naheliegend, dass man körperlich miteinander agiert.
Brauchten wir dazu einen Verein (lies den Bericht „Unsere Kinder“ bei „Notizen aus der Provinz“)?

 

Andererseits:

gibt es jetzt z. B. Luka – den digitalen Vorlesefreund für Kinder. Luka - in Form einer „smarten“ und weisen Eule - ist ein Geschichtenerzähler, der Kindern im Alter von 3 bis 8 Jahren spielerisch die Welt der traditionellen Kinderbücher nahe bringen möchte. Aber natürlich  nicht so nah genug, dass diese Bücher von den Kindern selbst gelesen und gespürt werden.
Durch diese künstliche Intelligenz kann sich jedes Kind selbständig, jederzeit und unabhängig von Erwachsenen sein Lieblingsbuch vorlesen lassen. Ganz ohne Eltern, ohne Großeltern, ohne die größeren Geschwister, ganz selbständig, ganz digital, ganz alleine.
Und dank einer detaillierten Wochenübersicht können in der Luka-App zudem die Leseaktivität sowie die Fortschritte des Kindes verfolgt werden (eine unauffällige Kontrolle).

Da braucht es kein Aneinander kuscheln, keine Berührungen, kein Fragen und Erklären mehr…

Da können sich die Eltern inzwischen zu den „Playfights“ treffen.

Sind das nicht alles Extreme und Auswüchse?

Sind wir schon berührungslose Menschen geworden, die dann „Berührungskurse“ unter Anleitung brauchen?

Können wir bei Berührungen nicht mehr genügend unterscheiden, ob sie uns Nähe und Geborgenheit vermitteln oder uns bedrohen oder sogar verletzen? Ohne Fingerspitzengefühl geht’s nicht – haben wir es verloren?

Berührung will bedacht sein und wir brauchen Berührungen. Wer in angenehmen Berührungen lebt, leidet weniger an Depressionen. Kinder, denen es an Berührung fehlt, stehen unter Stress, und nicht nur sie. Angenehme Berührungen geben Wärme.

Wer aber einmal die Erfahrung von Belästigung, Gewalt oder Missbrauch gemacht hat, ist vorsichtig.
Aber so sehr wir fürchten, dass uns wer unberechtigt zu nahe kommt – vielleicht auch nur als Unachtsamkeit, so sehr fürchten wir andererseits das Gegenteil von Nähe: die Einsamkeit. Wir können nicht ohne Nähe. Sonst sind wir „unterkuschelt“.
Gehen wir vorsichtig, behutsam und respektvoll miteinander um, zeigen wir unsere Zartheit – dann können wir Nähe und Berührungen zulassen und spüren sie auch als angenehm.
Und es gibt immer so eine kleine Zumutung, wenn man jemanden interessant findet. Und diese Zumutung kann dann auch stattfinden dürfen.
Dann brauchen wir keine Berührungs-Seminare mehr.

Wir freuen uns auch über Beiträge auf twitter oder Instagram.

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